Für digitale Assets war es eine schwierige Woche. Die hawkishe Wende bei den Zinsen, ein schwankender Ölpreis und nachlassender regulatorischer Schwung stellten die Risikobereitschaft auf die Probe. Am 4. Oktober näherte sich Bitcoin noch der Marke von 87.000 US-Dollar, drehte dann aber deutlich. Bis Donnerstag verlor die Kryptowährung knapp 8 % gegenüber diesem Hoch und fiel auf Bitstamp auf rund 80.350 US-Dollar, den tiefsten Stand seit Mitte September. Auf diesem Niveau kehrte die Nachfrage zurück. Am frühen Montag notiert Bitcoin bei etwa 83.500 US-Dollar. Ether schnitt schlechter ab und gab auf Wochensicht rund 9 % auf etwa 2.500 US-Dollar nach. Auch Solana und XRP verloren zweistellig, bevor sie sich fingen. Der Ausverkauf fiel mit dem ersten Jahrestag des Flash Crashs vom 10. Oktober 2025 zusammen. Damals stürzte Bitcoin binnen Minuten von etwa 122.000 auf 105.000 US-Dollar. Unserer Einschätzung nach war der Rückgang der vergangenen Woche vor allem makroökonomisch bedingt und weniger eine Frage des Kryptomarkts selbst. Steigende Ölpreise und Renditen von US-Staatsanleihen auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten zogen Kapital aus zinssensitiven und spekulativen Anlagen ab.
Tägliche Schlusskurse von Bitcoin, Oktober 2025 bis Oktober 2026
Bei den börsengehandelten Fonds kippten die Ströme klar ins Negative. Laut Farside verzeichneten die US-Spot-Bitcoin-ETFs in den fünf Handelstagen bis zum 9. Oktober Nettoabflüsse von rund 679 Millionen US-Dollar. Den höchsten Tagesabfluss gab es am Mittwoch, dem 7. Oktober: Rund 485 Millionen US-Dollar flossen aus den Produkten ab. Das war der stärkste Tagesabfluss seit Ende Juni. Er lag zudem etwa zwei Standardabweichungen unter dem 90-Tage-Durchschnitt, der bei Zuflüssen von rund 92 Millionen US-Dollar pro Tag liegt. Die meisten Rücknahmen entfielen mit etwa 380 Millionen US-Dollar in der Woche auf FBTC von Fidelity. ARKB von ARK verlor rund 207 Millionen US-Dollar. IBIT von BlackRock blieb weitgehend unverändert, weil Zuflüsse zu Wochenbeginn den Abfluss vom Mittwoch ausglichen. Damit sind die Zuwächse vom Monatsanfang aufgezehrt. Der Oktober liegt bislang mit rund 386 Millionen US-Dollar im Minus, nachdem im September netto noch etwa 2,65 Milliarden US-Dollar zugeflossen waren. Seit Jahresbeginn summieren sich die Nettozuflüsse laut Farside auf rund 717 Millionen US-Dollar. Das ist der Stand vom Mittwoch, also noch vor den weiteren Abflüssen am Donnerstag. Seit dem Start der Produkte belaufen sich die Nettozuflüsse auf etwa 57 Milliarden US-Dollar.
Tägliche Nettoflüsse der US-Spot-ETFs auf Bitcoin und Ether, 10. September bis 9. Oktober 2026
Noch schwächer liefen die Spot-Ether-ETFs. Ihnen flossen netto rund 542 Millionen US-Dollar ab, so viel wie in keiner Woche seit Januar. Die Serie der Abflüsse hielt damit neun Handelstage in Folge an. Allein auf ETHA von BlackRock entfielen etwa 477 Millionen US-Dollar.
Während der Markt fiel, wurden auch Positionen am Derivatemarkt bereinigt. Nach Daten von CoinGlass summierten sich die Liquidationen in den 24 Stunden bis Freitagmorgen auf rund 1,09 Milliarden US-Dollar. Betroffen waren vor allem gehebelte Long-Positionen. On-Chain-Daten von CryptoQuant zeigen, dass am Donnerstag rund 55.600 BTC aus kurzfristig gehaltenen Beständen (Short-Term Holder) mit Verlust an Börsen flossen. Das spricht für eine Kapitulation derer, die erst vor Kurzem eingestiegen sind. Allerdings belegen solche Transfers nicht, dass die Coins tatsächlich verkauft wurden. Charttechnisch bewegt sich Bitcoin weiterhin in einer Handelsspanne. Den Widerstand bildet die Marke von rund 87.000 US-Dollar, an der Erholungen zuletzt wiederholt scheiterten. Unterstützung bietet die Zone von 80.500 bis 81.500 US-Dollar. Dort liegen die lokalen Hochs des Vormonats und der 50-Tage-Durchschnitt bei rund 80.550 US-Dollar. Darunter folgen als nächste Orientierungspunkte die jüngsten Tiefs um 76.000 US-Dollar und der 200-Tage-Durchschnitt bei etwa 72.000 US-Dollar. Eine Analyse von CoinDesk zum Jahrestag des Flash Crashs hält fest, dass sich die Liquidität bei Bitcoin und Ether seit vergangenem Oktober weitgehend erholt hat. Bei kleineren Altcoins ist sie dagegen weiterhin dünner. Das erklärt aus unserer Sicht, warum die großen Assets ihre wichtigen Marken hielten, während kleinere Token deutlich stärker fielen.
Das regulatorische Umfeld gibt kurzfristig weniger Rückenwind. Der Digital Asset Market Clarity Act kommt nicht voran. Am 15. September scheiterte im Senat der Antrag, die Debatte zu beenden (Cloture), mit 49 zu 50 Stimmen deutlich an den nötigen 60. Strittig waren vor allem Ethikregeln zu den Kryptobeständen von Amtspersonen und die Frage, ob Stablecoins Erträge ausschütten dürfen. Verfahrenstechnisch kann der Gesetzentwurf zwar erneut aufgerufen werden. Die meisten Fachleute halten eine Verabschiedung vor den Zwischenwahlen am 3. November oder überhaupt in dieser Legislaturperiode aber für unwahrscheinlich. Damit verlagert sich die Agenda zu den Aufsichtsbehörden. Die SEC hat mit der Regulation Crypto Assets neue Ausnahmen von der Registrierungspflicht und eine Safe-Harbor-Regelung für Krypto-Investmentverträge vorgeschlagen. Die Frist für Stellungnahmen endet am 20. Oktober. Die CFTC hat einen Vorentwurf zu Kryptomärkten in die behördenübergreifende Prüfung gegeben. Vergangene Woche leitete sie zudem Schritte ein, Ereigniskontrakte ihrem Regelwerk für Swaps zu unterstellen. Behördliche Regeln können Orientierung geben. Gegenüber einem Gesetz sind sie jedoch anfälliger für Klagen und politische Kehrtwenden. Ein belastbarer US-Rahmen für die Marktstruktur ist aus unserer Sicht noch ein gutes Stück entfernt. Für unsere Kundschaft in Europa bietet MiCA im Vergleich ein weitgehend gefestigtes Regelwerk.
Die Geldpolitik blieb die bestimmende Kraft. Am 7. Oktober veröffentlichte die Fed das Protokoll ihrer Sitzung vom 16. September. Damals hatte sie den Zielkorridor um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 % angehoben. Es war die erste Zinserhöhung seit Juli 2023. Laut Protokoll trugen alle Teilnehmenden den Schritt mit, und die meisten halten eine weitere Erhöhung bis zum Jahresende für angemessen. Als Treiber des Inflationsdrucks nannte die Fed höhere Öl- und Kraftstoffpreise infolge der Lage im Nahen Osten, Investitionen rund um künstliche Intelligenz sowie die anhaltende Wirkung der Zölle. Die Fachebene der Fed schätzte die PCE-Inflation für August auf 3,8 % insgesamt und auf 3,4 % in der Kernrate.
Am Anleihemarkt fiel die Reaktion heftig aus. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg am Mittwoch auf rund 5,37 %, den höchsten Stand seit 2002. Am Freitag lag sie bei etwa 5,25 %. Der Dollar-Index kletterte leicht auf rund 102,2 und damit nahe an ein 18-Monats-Hoch. Für die FOMC-Sitzung am 27. und 28. Oktober preisen die Futures nur eine Wahrscheinlichkeit von etwa 25 % für eine Anhebung ein. Bis Dezember erwarten sie mehrheitlich einen weiteren Schritt. Damit kommt dem US-Verbraucherpreisindex für September am Mittwoch zentrale Bedeutung zu. Der Konsens erwartet eine Inflationsrate von rund 3,7 % im Jahresvergleich, nach 3,4 % im August. In Japan hob die Bank of Japan ihren Leitzins im September auf 1,25 % an. Für ihre Sitzung am 30. Oktober sehen die Märkte die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Schritts ebenfalls bei etwa 25 %.
Auch die Geopolitik bewegte die Stimmung, vor allem über den Ölpreis. Berichte, wonach das Weiße Haus beim Pentagon Optionen für Angriffe auf Iran angefordert hatte, trieben die Preise. Brent kostete am Donnerstag zeitweise fast 106 US-Dollar je Barrel. Die Lage entspannte sich, als Präsident Trump US-Angriffe auf Iran vor den Zwischenwahlen ausschloss. Hinzu kamen eine gemeldete Vereinbarung zwischen den USA und Russland zur Dieselversorgung sowie eine angekündigte „Energie-Waffenruhe“ zwischen Russland und der Ukraine. Zum Wochenschluss notierte Brent bei rund 104 und WTI bei etwa 91 US-Dollar.
Die Erholung von Bitcoin in Richtung 82.500 US-Dollar am Freitag folgte dieser Entspannung bei den Energierisiken. Gold verteuerte sich am Freitag um rund 1,5 % auf etwa 4.220 US-Dollar je Unze. US-Aktien beendeten die Woche im Plus, und der S&P 500 schloss auf Rekordniveau, auch wenn Technologiewerte stark schwankten. Diese Divergenz ist bemerkenswert. Aus unserer Sicht reagieren digitale Assets derzeit empfindlicher als Aktien auf Realzinsen und Liquiditätsbedingungen. Von starken Unternehmensgewinnen können sie zudem weniger profitieren.
Was das für die Geldanlage bedeutet
Kurzfristig erwarten wir, dass Bitcoin zwischen etwa 80.000 und 87.000 US-Dollar konsolidiert, solange der Markt auf die Inflationsdaten dieser Woche wartet. Eine nachhaltige Erholung über 87.000 US-Dollar wäre ein Zeichen, dass die Bereinigung der Vorwoche abgeschlossen ist und die institutionelle Nachfrage zurückkehrt. Idealerweise sollten die Spot-ETFs dann auch wieder Zuflüsse verzeichnen. Umgekehrt würde ein Tagesschluss unter der Unterstützungszone von 80.500 bis 81.500 US-Dollar den Weg in Richtung 76.000 US-Dollar öffnen. Als tiefere Marke käme dann der 200-Tage-Durchschnitt bei rund 72.000 US-Dollar in Betracht. Auslöser wären aus unserer Sicht am ehesten ein überraschend hoher Verbraucherpreisindex, erneuter Aufwärtsdruck bei der zehnjährigen Rendite oder ein neuer Anstieg der Ölpreise. Ether steht nach neun Handelstagen mit ETF-Abflüssen in Folge relativ schwächer da. Bevor wir den jüngsten Rückgang als Neustart deuten und nicht als Beginn eines tieferen Abwärtstrends, wollen wir zuerst eine Stabilisierung dieser Ströme sehen.
Langfristig bleiben die strukturellen Argumente für digitale Assets trotz des zyklischen Gegenwinds bestehen. Die kumulierten Zuflüsse in US-Spot-Bitcoin-ETFs liegen weiterhin bei rund 57 Milliarden US-Dollar. Umfragen, darunter eine aktuelle Studie von State Street, zeigen, dass Institutionen ihre Allokationen und ihre Erwartungen an die Anlageklasse stetig erhöhen. Auch die Liquidität in den größten Assets hat sich seit dem Flash Crash des Vorjahres deutlich erholt. Die Bremsklötze liegen in Geldpolitik und Regulierung: eine Fed, die die Zinsen weiter anhebt, Renditen auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten und ein US-Gesetzgebungsprozess, der ins Stocken geraten ist. Wer kurzfristig anlegt, sollte einige Termine und Signale im Blick behalten:
den Verbraucherpreisindex für September am 14. Oktober
die Entscheidungen von FOMC und Bank of Japan zum Monatsende
die täglichen Ströme der Spot-ETFs
die Ölpreise und die Nachrichten aus dem Nahen Osten
den Ausgang der Zwischenwahlen am 3. November mit Blick auf die Kryptogesetzgebung 2027
Wir setzen weiterhin auf einen disziplinierten Ansatz mit klarem Risikomanagement, bei dem sich die Positionsgröße an der erhöhten Volatilität des aktuellen Makroumfelds orientiert.
October 2026 - Sonderbericht
Market Pulse: Oktober 2026
Öl über 110 US-Dollar, ein gescheitertes Kryptogesetz, die erste Zinserhöhung seit 2023: Bitcoin legte im September trotzdem knapp 7 % zu. Was den Boden hielt.