Seit dem 1. Juli 2026 gilt MiCA ohne nationale Übergangsfristen. Das ESMA-Register vom 7. Oktober führt 368 Einträge für Anbieter von Kryptowerte-Dienstleistungen (CASPs) ohne Enddatum, verteilt auf 27 EU- und EWR-Herkunftsstaaten. Nur ein kleiner Teil der Zulassungen betrifft Anlageentscheidungen: Von 1.229 klassifizierten Dienstleistungsberechtigungen gelten 103 für Beratung oder Portfolioverwaltung. Das sind 8,38 %.
Was bedeutet diese Knappheit für die Geldanlage? Wie schneidet Europas Regelwerk im Vergleich mit dem Dollar-Netzwerk und einem unfertigen US-Rechtsrahmen ab? Und woran lässt sich ablesen, ob aus rechtlichem Zugang wirtschaftlicher Wert wird? Diesen Fragen geht Leonardo Larieira von Teroxx Research im neuen Sonderbericht MiCA: Von der Erlaubnis zum Mandat nach. Redaktionsschluss war der 13. Oktober 2026.
Europa hat den Markt geöffnet: MiCA schafft einen gemeinsamen Rahmen für Dienstleistungen und erlaubt den grenzüberschreitenden Vertrieb im Umfang der Zulassung.
368 Einträge, 1.229 Berechtigungen: Das ESMA-Register vom 7. Oktober umfasst 27 EU- und EWR-Herkunftsstaaten. Deutschland führt mit 103 Einträgen vor Frankreich (36), den Niederlanden (28), Zypern (24) und Malta (23).
Beratung und Portfolioverwaltung sind selten: 45 Berechtigungen für Beratung und 58 für Portfolioverwaltung ergeben zusammen 8,38 %. Verwahrung, Transfer, Ausführung und Tausch kommen auf 78,84 %.
Sieben US-Gruppen haben EU-Zulassungen: Coinbase, Kraken, Robinhood mit Bitstamp, Gemini, BitGo, Circle und Ripple sind als CASP in der EU zugelassen. Keine ihrer acht ausgewählten Gesellschaften darf beraten, nur eine verwaltet Portfolios.
Der Dollar bestimmt die Größenordnung: 99,49 % der Stablecoin-Umlaufmenge von 314,94 Milliarden US-Dollar sind an den US-Dollar gebunden, 0,257 % an den Euro.
Das Urteil hängt an Bedingungen: Ob aus Zugang Wert wird, entscheiden Mandate mit echtem Kapital, dauerhafte Kundenbeziehungen und die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Gesellschaft.
ESMA-Register: Deutschland führt bei der Zahl, Zypern bei der Breite
Deutschland hat 4,29-mal so viele Registereinträge wie Zypern, aber nur 25 % mehr Berechtigungen: 180 gegenüber 144. Auf einen deutschen Eintrag kommen damit 1,75 Berechtigungen, auf einen zyprischen 6,00. Das passt zu einem Muster, in dem deutsche Banken und Wertpapierinstitute ihr bestehendes Geschäft um ausgewählte Dienstleistungen für digitale Assets ergänzen. Spezialisierte Anbieter in Zypern und Malta haben dagegen breitere Zulassungen. Über die Qualität der Aufsicht oder den geschäftlichen Erfolg sagt keine der beiden Zahlen etwas.
Warum Kryptoberatung und Portfolioverwaltung unter MiCA selten sind
Beratung bedeutet nach Artikel 3 Absatz 1 Nummer 24 MiCA persönliche Empfehlungen. Portfolioverwaltung ist nach Nummer 25 die Verwaltung mit eigenem Entscheidungsspielraum auf Grundlage eines Kundenmandats. Wer sich beraten lässt, entscheidet selbst. Wer ein Mandat vergibt, überträgt die Entscheidung im vereinbarten Rahmen. 58 der 368 Einträge (15,76 %) enthalten eine Berechtigung zur Portfolioverwaltung, 45 (12,23 %) eine zur Beratung. Da ein Eintrag beide haben kann, ergibt die Summe nicht die Zahl der Anbieter.
MiCA-Berechtigungen nach Dienstleistungsart: Beratung und Portfolioverwaltung kommen zusammen auf 103 von 1.229. Quelle: ESMA-Register CASPS, 7. Oktober 2026; Klassifizierung Teroxx Research.
Die Knappheit macht diese Berechtigungen interessant, über ihren Wert entscheidet die Umsetzung. Wer einen Anbieter auswählt, sollte deshalb genau hinsehen: auf Geeignetheitsprüfung, Anlagekompetenz, Ausführungsqualität, Interessenkonflikte und das tatsächliche Angebot.
US-Kryptoanbieter nutzen MiCA, der Dollar dominiert bei Stablecoins
Fünf der sieben US-Gruppen hatten schon Ende 2025 eine der ausgewählten EU-Gesellschaften, Circle und Ripple kamen 2026 hinzu. Ihre europäischen Zulassungen stammen also aus der Zeit vor der Abstimmung im US-Senat über den CLARITY Act im September 2026. Welches Geschäft dahintersteht, zeigen erst Nachweise über die Nutzung der Produkte und die Erträge.
Wirtschaftlich muss sich Europa am Dollar-Netzwerk messen. Laut einem archivierten Datenstand von DefiLlama vom 24. September lag die Umlaufmenge der Stablecoins bei 314,94 Milliarden US-Dollar. Davon waren 313,33 Milliarden an den US-Dollar gebunden und 809 Millionen an den Euro. EURC und EURCV stellen zusammen 80,54 % des Euro-Segments. Europa kann einen klareren gesetzlichen Rahmen bieten, ohne dieses Netzwerk zu verdrängen. Mehr zum Markt steht in unserem Bericht Stablecoins zur Jahresmitte 2026.
Stablecoin-Umlaufmenge nach Referenzwährung: 99,49 % entfallen auf den US-Dollar, 0,257 % auf den Euro. Quelle: archivierte DefiLlama-API, 24. September 2026.
CLARITY Act, GENIUS Act und Banklizenzen: So arbeiten US-Institute
Das Repräsentantenhaus verabschiedete den CLARITY Act am 17. Juli 2025 mit 294 zu 134 Stimmen. Im Senat scheiterte am 15. September 2026 der Antrag, die Beratung des Gesetzes zu eröffnen, mit 49 zu 50 Stimmen; nötig gewesen wären 60. Das war eine Verfahrensabstimmung, abgelehnt ist das Gesetz damit nicht. Bis sich der Kongress auf einen Text einigt, stützen sich US-Institute auf andere Grundlagen: den GENIUS Act für Stablecoin-Emittenten, eine befristete Ausnahme der SEC für tokenisierte börsennotierte Aktien, eine Vorab-Konsultation der CFTC zu Rohstoffgeschäften mit Privatkunden und Banklizenzen der OCC auf Bundesebene für die Verwahrung.
Der GENIUS Act wurde am 18. Juli 2025 Gesetz. Er greift 18 Monate danach, am 18. Januar 2027, oder 120 Tage nach den endgültigen Durchführungsregeln der Behörden, falls diese früher vorliegen.
Fünf rechtliche Grenzen, die jedes MiCA-Mandat klären sollte
Eine CASP-Zulassung gilt in der gesamten EU, deckt aber nur die darin genannten Dienstleistungen ab (Artikel 59 MiCA). Bevor Kapital fließt, sollten fünf Grenzen klar sein:
Verwahrung und Anlageentscheidung: Verwahrpflichten (Artikel 70 und 75) und die Pflicht zur Geeignetheitsprüfung (Artikel 81) sind getrennt geregelt. Wer nur verwahren darf, darf weder beraten noch Portfolios verwalten.
Tokenisierte Finanzinstrumente: MiCA nimmt Finanzinstrumente aus. Ein tokenisierter Fondsanteil bleibt deshalb im Wertpapier- und Fondsrecht.
E-Geld-Token und Zahlungsverkehr: Wer für die Kundschaft E-Geld-Token (EMTs) überträgt, kann einen Zahlungsdienst nach PSD2 erbringen.
Mandat, Fonds oder ART: Eine gepoolte Anlage kann unter die AIFM-Richtlinie fallen. Ein Korb-Token ist nicht automatisch ein vermögenswertreferenzierter Token.
Nicht konforme Stablecoins: Nach der ESMA-Stellungnahme vom 8. Oktober 2026 dürfen bestehende Positionen nur noch eng begrenzt abgewickelt werden, spätestens drei Monate nach Veröffentlichung.
MiCA-Zeitplan 2026 bis 2028: Welche Termine neue Pflichten bringen
In den kommenden zwei Jahren gilt es, geltende Regeln von Aufsichtsarbeit und offenen Vorschlägen zu unterscheiden. Bis zum 30. Juni 2027 muss die EU-Kommission nach Artikel 140 einen Bericht zu MiCA vorlegen; neue Regeln folgen daraus nicht automatisch. Ab dem 10. Juli 2027 gelten die Kontobeschränkungen der Geldwäscheverordnung AMLR. Die EU-Geldwäschebehörde AMLA wählt 2027 bis zu 40 grenzüberschreitend tätige Unternehmen mit hohem Risiko aus und beaufsichtigt sie ab 2028 direkt. Offen sind dagegen noch die Verhandlungsposition des Rates vom 9. Oktober zur direkten ESMA-Aufsicht über bedeutende grenzüberschreitende CASPs (MISP) und die Reform des Zahlungsverkehrsrechts (PSD3/PSR).
Rechts- und Aufsichtskalender bis 2028, geordnet nach Rechtsstatus. Quelle: MiCA, AMLR, AMLA, EBA, ESMA, Rat der EU, GENIUS Act; Teroxx Research, Redaktionsschluss 13. Oktober 2026.
Was MiCA für die Geldanlage bedeutet
Europas Regelwerk schafft Raum für ein schmaleres, aber glaubwürdiges Angebot: Beratung und Portfolioverwaltung für digitale Assets auf belegter Rechtsgrundlage. Tragfähig wird es, wenn ein Anbieter die passende Zulassung mit sorgfältiger Geeignetheitsprüfung, getrennter Verwahrung, transparenter Ausführung und wettbewerbsfähigen Gesamtkosten verbindet. Weitere US-Gesetze könnten Europas relativen Vorsprung verkleinern. Schwache Abläufe oder hohe Kosten können ihn auch ohne neue Gesetze aufzehren.
Der vollständige Bericht umfasst 36 Seiten. Er enthält außerdem die Methodik der Registerauswertung, die Dienstleistungsmatrix der US-Gruppen, einen Überblick über die Umsetzung des GENIUS Act, drei Szenarien für die US-Politik mit Prüfsteinen bis Ende 2027 und den Eintrag von Teroxx im Register: acht Dienstleistungsberechtigungen, darunter Beratung und Portfolioverwaltung, und 29 Aufnahmestaaten. Den Blick auf die Märkte liefert unser Market Pulse für Oktober.
Bitcoin und Ethereum: Lage und Ausblick, drittes Quartal 2026
Bitcoin stieg im dritten Quartal 2026 um 42,7 %, Ethereum um 70,8 %, trotz Zinserhöhung und Renditen über 5 %. Was die Rally trug und was für Q4 zählt.